«Das Kulturerbe ist mehr als ein ‹Nice to have›»

SRF: Was ist das eigentlich – das Kulturerbe?

Alain Berset: Das Kulturerbe ist etwas sehr Wichtiges, es verbindet die Menschen. Und es erinnert uns an unsere Geschichte, an unsere Wurzeln und zeigt, dass wir eine gemeinsame Vergangenheit haben. Die starke, gemeinsame Vergangenheit ist ein Schlüssel für die Zukunft.

Ich möchte das konkret anschauen. Gehört beispielsweise ein Auto zum Kulturerbe?

Wenn ein Auto eine besondere Bedeutung hat, kann es durchaus zum Kulturerbe gehören. Das Kulturerbe verstehe ich sehr breit und vielfältig: Es ist materiell zum Beispiel in Form von Gebäuden, und immateriell in Form von Traditionen.

Und ein Bundespräsident – gehört er auch zum Schweizer Kulturerbe?

(lacht) Die Funktion ist vermutlich Teil des Kulturerbes, die Person aber sicher nicht.

«  Für mich hat das Kulturerbe vor allem eine menschliche Dimension. »

Warum?

Die Funktion des Bundespräsidenten gehört zu unserer politischen Tradition. Er oder sie ist ja bezeichnenderweise nicht Staatsoberhaupt, sondern Primus inter pares. Das ist ein wichtiges Element unserer politischen Kultur und verweist auf deren Essenz: auf die direkte Demokratie, die Suche nach Konsens oder Kompromiss, unsere höchst vitale Debattenkultur. In der Schweiz – mit ihren vier Sprachen und ihren föderalen Strukturen – ist die politische Debatte komplex und ein Teil unserer Geschichte.

Wer definiert, was zum Kulturerbe gehört?

Die genaue Definition überlasse ich den Spezialisten. Für mich hat das Kulturerbe vor allem eine menschliche Dimension: es verbindet Menschen.

Das klingt schön. Aber kann man das auch beweisen?

Aber sicher! Nehmen wir ein Gebäude, das unter Denkmalschutz steht: zum Beispiel das Bundeshaus. Hier kommen seit über hundert Jahren Menschen zusammen, tauschen sich aus und arbeiten. Das Bundeshaus ist ein Symbol für den Schweizer Zusammenhalt und gleichzeitig auch ein mächtiges Zeugnis der Architekturgeschichte. Ein Denkmal für alle.

Oder die Basler Fasnacht. An der Feier zur Aufnahme der Basler Fasnacht auf die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes nahmen mehrere hundert Personen teil. Die Fasnacht, aber auch die Feier, verbindet Menschen ganz real.

«  Der Wunsch, sich über die Grenzen hinaus zu verbinden, ist kleiner geworden. »

 

Blenden wir kurz zurück: 1975 war das europäische Jahr der Denkmalpflege. Damals wollte man auf das architektonische Erbe aufmerksam machen, das wegen der Hochkonjunktur unter Druck geriet. Jetzt steht das Kulturerbe im Zentrum. Auf welche Bedrohung will man mit dem Kulturerbejahr aufmerksam machen?

Europa hat im letzten Jahrhundert immense Entwicklungen erlebt: es gab Kriege, wirtschaftliche Krisen, Aufschwung, die 68er-Revolution oder die Gründung der Europäischen Union. In den letzten Jahren stellen wir mancherorts Identitätsdebatten fest, eine Hinwendung zum Nationalstaatlichen. Der Wunsch, sich über die Grenzen hinaus zu verbinden, ist kleiner geworden.

Wenn wir 2018 das Kulturerbe ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken, ist das auch eine Möglichkeit, sich darauf zu besinnen, dass wir eine gemeinsame Vergangenheit haben, und eine gemeinsame kulturelle Identität, dass der europäische Kontinent nicht nur ein Begriff, sondern auch eine Realität ist.

Sie nehmen das europäische Kulturerbejahr zum Anlass, um alle europäischen Kulturminister an eine Konferenz einzuladen – und zwar ans World Economic Forum WEF nach Davos. Was erhoffen Sie sich davon?

Die Kultur in ihrem umfassenden Sinn ist für die Gesellschaft von zentraler Bedeutung und mehr als einfach ein «Nice to have». Häufig wird das auf politischer Ebene noch viel zu wenig beachtet.

Das WEF ist heute vor allem ein Ort, wo sich Wirtschaft und Weltpolitik austauschen. Es ist gut, hier der Kultur einen Platz zu geben. Am Ende der Kulturministerkonferenz werden wir eine «Deklaration von Davos» zur Baukultur für Europa verabschieden.

Warum die Baukultur?

Weil Siedlungen und Landschaften nicht nur sichtbarer Ausdruck unseres kulturellen Handelns sind. Der gebaute Raum und seine Qualität beeinflussen gleichzeitig auch unsere kulturelle Identität, unsere Lebensqualität und das Wohlbefinden aller. Dieses Qualitätsbewusstsein und die kulturellen Aspekte des Bauens müssen wir in unserem Land wieder stärken.

 

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Letzte Änderung 11.01.2018

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