«Ich denke, dann hätte ich eine PID gemacht»

20 Minuten - 21.05.2015

20 Minuten: Herr Bundesrat, wie haben Sie den Live-Chat mit den 20-Minuten-Lesern erlebt?

Alain Berset: Ich fand diesen Austausch sehr interessant. Es war eine gute Möglichkeit, mit der Bevölkerung direkt in Kontakt zu kommen. Ich führe auch auf der Strasse viele Gespräche und diskutiere mit den Leuten über aktuelle politische Fragen - aber das war einmal etwas anderes.

Viele Teilnehmer äusserten ethische Bedenken in Bezug auf die Präimplantationsdiagnostik. Können Sie das verstehen?

Sicher. Diese Fragen standen auch im Bundesrat und im Parlament im Zentrum der Diskussion. Die unabhängige Ethikkommission hat sich ebenfalls damit befasst, ob die Präimplantationsdiagnostik (PID) möglich sein sollte. Sie kam zum Schluss, dass man die PID gerade aus ethischen Gründen erlauben muss! Denn so kann viel Leid verhindert werden.

Inwiefern?

Die Alternative für betroffene Personen ist heute eine Schwangerschaft auf Probe: Die Frau wird schwanger und kann den Fötus dann im Mutterleib auf Erbkrankheiten untersuchen lassen. Dann stellt sich die Frage: Behalten wir das Kind, das möglicherweise nicht lange leben wird? Ein Eingriff erfolgt in einem solchen Fall viel später und ist für das betroffene Paar viel belastender. Deshalb wollen wir betroffenen Paaren die Möglichkeit geben, früher zu intervenieren, falls sie das wollen. Es ist auch kein Zufall, dass die Präimplantationsdiagnostik sonst in ganz Europa erlaubt ist.

Angenommen, Sie hätten eine schwere Erbkrankheit in der Familie - würden Sie dann von der PID Gebrauch machen?

Es ist sehr, sehr schwierig, eine solch theoretische Frage zu beantworten. Aber ich glaube, wenn ich wüsste, dass es in meiner Familie eine schwere Erbkrankheit gibt, wäre ich froh, wenn mir der Staat nicht sagt: Du darfst diese Untersuchung machen oder du darfst nicht. Ich wäre froh, wenn der Staat mir die Freiheit liesse, selbst zu entscheiden. Ich denke, ich hätte es gemacht.

Die bisher veröffentlichten Abstimmungsumfragen deuten darauf hin, dass es am 14. Juni eng werden könnte. Gehen Sie davon aus, dass es an der Urne für ein Ja zur PID reichen wird?

Ich mache keine Prognosen. Ich glaube, es gibt gute Gründe, die bestehende PID-Beschränkung aufzuheben. Wir würden damit eine freiwillige Möglichkeit für Paare schaffen, die eine schwere Erbkrankheit in der Familie haben. Heute sagt der Staat den betroffenen Paaren: Ihr dürft diese Möglichkeit nicht nutzen, selbst wenn ihr es wollt. Die Konsequenz ist, dass viele der Betroffenen ins Ausland fahren und die PID dort durchführen lassen - unter ausländischen Regeln. Wenn wir am 14. Juni Ja sagen, haben wir die Möglichkeit, unsere eigenen, strengen Regeln aufzustellen, die demokratisch legitimiert sind. Das regeln wir dann im Fortpflanzungsmedizingesetz. Darüber würden wir wohl nächstes Jahr abstimmen. Alles andere ist eine Vogel-Strauss-Politik: Man weiss, dass das Problem existiert, steckt den Kopf aber einfach in den Sand. Das ist nicht ehrlich.

Letzte Änderung 21.05.2015

Zum Seitenanfang

https://www.edi.admin.ch/content/edi/de/home/dokumentation/interviews/-ich-denke--dann-haette-ich-eine-pid-gemacht-.html