Stimmen von Menschen mit Behinderungen in Zeiten von Corona

«Mit Schutzmaske kann ich nicht Lippenlesen.» «Ich bin nun isoliert.» «Ich kann meinen Mann nicht treffen.» «Umso mehr Pflege zu Hause, umso grösser das Risiko.»

Das öffentliche Leben und viele Dienstleistungen waren in den letzten Monaten wegen dem Coronavirus stark eingeschränkt. Damit konnten Menschenleben gerettet werden. Deshalb war «zu Hause bleiben» die Devise. Das war wichtig und richtig. Doch was hatte das für Auswirkungen auf den Alltag speziell von Menschen mit Behinderungen? Wir haben nachgefragt.

Vier Personen im Alter zwischen 35 und 50 Jahren. Niemand von ihnen ist an Corona erkrankt. Doch war die Coronazeit für sie alle noch einschneidender als für andere. Warum? Sie leben alle mit einer Behinderung. Carlos Kenedy ist Tetraplegiker, Daniele Corciulo ist blind (1.5% Sehkraft), Katrin Jenni lebt mit einer psychischen Behinderung und autistischen Zügen sowie Lernschwierigkeiten und Selina Lusser-Lutz ist gehörlos. Die Massnahmen zum Schutz vor dem Coronavirus hat sie in unterschiedlicher Form stärker eingeschränkt, als Menschen ohne Behinderungen.

Selbstbestimmung zu Zeiten von Corona?

«Nun ja, Selbstbestimmung geht momentan halt nicht.» Katrin Jenni lebt in einer Institution für begleitetes Wohnen. Die Institution hat zum Schutz vor Corona der Bewohner und Bewohnerinnen teilweise Besuchsverbot oder Ausgehverbot erlassen. «Das ist schon komisch. Ich bin ja selbstständig und mündig. Und ich ging davor oft alleine spazieren. Das durfte ich nun nur noch mit einer Begleitperson der Wohngemeinschaft.» Doch nicht die verlorene Freiheit alleine spazieren zu gehen war das Schlimmste für Frau Jenni. Sie konnte ihren Mann seit längerem nicht mehr treffen. Er wohnt in einem anderen Kanton, ebenfalls in einem begleiteten Wohnsetting. Mit denselben Besuchsregeln und Ausgangsverbot. «Das ist für mich schon sehr schlimm. Das kommt dann manchmal so schubweise, dass es mir vor Sehnsucht fast das Herz zerreisst. Ich sehne mich nach dem Tag, an dem ich einfach meine Koffer packen darf und zu meinen Mann fahren kann.» Zum Zeitpunkt des Interviews war in Abklärung, ob sie nach den ersten Lockerungen ihren Mann doch bald besuchen dürfte. Nachdenklich meint sie dazu: «Ich weiss nicht, was schmerzhafter wäre. Ihn nicht zu sehen oder ihn mit zwei Meter Abstand zu sehen».

Isolation? «Bin ich mir ja schon gewohnt»

«Ich bin es gewohnt, selbstständig unterwegs zu sein. Aber da ich blind bin, ist das Risiko an Corona zu erkranken natürlich höher. Nur schon weil ich viel mehr Sachen anfassen und ertasten muss. Da war ich nun schon sehr vorsichtig und bin seit März deshalb zu Hause geblieben.» Herr Corciulo fährt sonst oft mit dem öffentlichen Verkehr- zur Arbeit, zu seinen Eltern. «Das ist für mich nun schon komisch, zu Hause zu bleiben und mehr auf Hilfe meiner Freundin angewiesen zu sein.» Er erlebt die Zeit während Corona als Isolation.

Auch Herr Kenedy ist isoliert während Corona, noch mehr als sonst. Er meint aber: «Durch die Isolation sehen wir uns alle mit einem neuen Verhältnis zur Zeit, zur Mobilität und zur Familie konfrontiert. Als Tetraplegiker stelle ich fest, dass mir die Erfahrung, die allen plötzlich so neu und manchmal auch beängstigend erscheint, schon seit langem vertraut ist: zu akzeptieren, dass man zu Hause bleiben muss, dass man sich langweilt, auf Reisen verzichten muss, die Familie seltener sehen kann (weil die Wohnung meiner Eltern nicht rollstuhlgängig ist). Letztlich führt die Isolation auch dazu, dass ich nicht mehr so sehr das Gefühl habe, es gebe eine Grenze zwischen mir und dem Rest der Welt. Hier empfinde ich sogar eine kleine persönliche Genugtuung, für einmal über einen gewissen Erfahrungsvorsprung zu verfügen!»

Existenzangst

Carlos Kenedy ist auf tägliche Pflege und Unterstützung angewiesen. Er lebt mit seiner Frau zusammen. Doch die vielen verschiedenen Assistenzpersonen bringen auch eine erhöhte Ansteckungsgefahr mit sich. Als Tetraplegiker gehört er zur besonders gefährderten Risikogruppe. Zudem arbeitet seine Frau selbst bei der Spitex, was die Gefahr, Corona nach Hause zu bringen zusätzlich erhöht. «In der Pflege sind zwei Meter Abstand unmöglich. Da waren wir bald einmal mit dem Dilemma konfrontiert: Soll meine Frau aufhören zu arbeiten, um mich zu schützen?» Wir hatten die Hoffnung, dass sich die Situation bessert. Nun haben wir uns aber entschieden, dass sie zu meinem Schutz aufhört zu arbeiten. Damit verzichten wir jedoch auf ihr Einkommen. Das war kein einfacher Schritt.

Lippenlesen mit Maske ist unmöglich

Als gehörlose Person kommuniziert Frau Selina Lusser-Lutz mit hörenden Personen, indem sie die gesprochenen Worte von den Lippen abliest. Mit den Masken ein Ding der Unmöglichkeit. Aber «ich habe bei der Bevölkerung eine grosse Hilfsbereitschaft gespürt. Wenn ich jemanden mit Schutzmaske getroffen habe, war es für sie meistens selbstverständlich, auf diese zu verzichten, als sie von meiner Hörbehinderung erfuhren.» Bis auf einmal bei einem Arztbesuch: «Die HNO-Ärztin wollte ihre Schutzmaske nicht entfernen, obwohl sie genau wusste, dass ich akustisch nichts wahrnehmen kann. Aber zum Glück hat sich dann jemand anderes bereit erklärt, ohne Maske zu wiederholen, was die Ärztin mit Maske erklärte.» Frau Lusser-Lutz  ist verantwortlich für die Kommunikation der Abteilung übertragbare Krankheiten beim BAG und ist nun besonders während Corona auch beruflich mit dem Thema Schutzmasken vertraut. «Vielleicht hat dieser Hintergrund auch eine Rolle gespielt. Deswegen musste ich schon etwas darüber schmunzeln.»

Mehr Zeit - «Das war auch schön»

In den Gesprächen mit den Interviewpartnern waren nicht nur Existenzangst, Isolation und Selbstbestimmung Thema. Auch die Zeit wurde erwähnt. Und zwar positiv. So pendelt Selina Lusser-Lutz normalerweise zur Arbeit und nimmt dafür zwei Stunden Fahrzeit pro Weg in Kauf. Mit dem Homeoffice wurde diese Zeit eingespart: «Das war natürlich ein riesiger Vorteil». Obwohl «die Kinder dann ja auch zu Hause im Homeschooling waren und nicht mehr von den Grosseltern gehütet werden konnten. Also mussten wir sie neben der eigenen Arbeit gleichzeitig unterrichten und beschäftigen. Das gab halt auch kürzere Nächte, da ich in der übrigen Zeit mein Arbeitspensum erfüllen musste.» Aber alles in allem führte diese Situation für die Familie Lusser-Lutz zu mehr Familienzeit. «Und das war sehr schön».

Auch im Wohnheim von Frau Katrin Jenni veränderte die neue freie Zeit das gemeinsame Wohnen. «Wir waren alle zu Hause. Das gab auch schöne Momente. An den Abenden sassen wir oft gemeinsam im Garten und hatten gute Gespräche. Für solche Gespräche muss man eben Zeit haben.» Normalerweise sind die Leute beschäftigt oder ausser Haus. Nun aber hat Corona bewirkt, dass mehr Zeit miteinander verbracht wurde und das gab die Möglichkeit einander besser kennenzulernen und zu schätzen. Manchmal wurde es aber auch zu viel: jeden Tag im Garten sitzen und miteinander reden. «Denn es wurde immer über Corona gesprochen. Ich hatte nicht immer Lust, mich damit zu beschäftigen. Wenn man das den ganzen Tag macht, ist es ja kein Wunder, dass man plötzlich die Krise hat. Wenn es schön Wetter war, war es aber auch blöd in meiner Wohnung zu bleiben, nur um mich vor Corona-News fernzuhalten.» Trotzdem war die gewonnene Zeit insgesamt auch positiv für Frau Katrin Jenni. Schmunzelnd fügt sie hinzu: «Ich habe noch nie so viele Filme geschaut, wie in dieser Zeit. Und all meinen Freunden und Familie Briefe geschrieben.»

«Highlight von Corona»

«Die Zeit steht irgendwie still.» sagt auch Daniele Corciulo. Er macht Musik und hat nach Möglichkeiten gesucht, auch von zu Hause aus mit anderen zu musizieren. «Ja, Corona macht erfinderisch», lacht er und erzählt wie er im Internet Musiker gefunden hat, die virtuell miteinander musizieren. «Man braucht dafür natürlich das technische Equipment. Aber man kann in einem akzeptablen Rahmen miteinander musizieren. Das ist schon sehr cool. Dann weisst du: der Gitarrist sitzt in Deutschland, der Schlagzeuger in Japan und ich logge mich mit meinem Keyboard aus der Schweiz ein. Das war wirklich mein absolutes Highlight von Corona.»

«Denken wir an das, was alles möglich ist – auch nach der Pandemie.»

Zum Zeitpunkt der Interviews war niemand der Gesprächspartnerinnen und -partner an Corona erkrankt. Trotzdem veränderte sich der Alltag deutlicher als für Menschen ohne Behinderungen. Die Massnahmen zum Schutz vor Corona waren je nach Behinderungsart unterschiedlich einschneidend. Wie alle anderen Menschen auch, suchten die vier interviewten Personen für sich neue Wege für mehr Selbstständigkeit und die gewonnene Zeit auch positiv. Sie wurden erfinderisch, um kleinere oder grössere Alltagshürden zu meistern. Carlos Kenedy fasst es im Gespräch so zusammen: «Die Coronakrise hat uns gezwungen, unsere reflexartige Antwort «Nein, das ist unmöglich» zu hinterfragen. Denn sie hat zu bislang unmöglich erscheinenden Veränderungen geführt: Ja, von zu Hause aus arbeiten ist möglich, was vorher für viele undenkbar gewesen wäre.» Er zieht Bilanz, was er aus Corona gelernt hat: «Denken wir doch an das, was alles möglich ist. Auch nach der Pandemie».

 

Die Interviews wurden im Mai und Juni 2020 schriftlich oder telefonisch, auf Deutsch oder auf Französisch geführt.

Artikel und Interviews: Jasmin Cahannes, EBGB

 

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Letzte Änderung 10.07.2020

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