Mister President

Freiburger Nachrichten - 14.12.2017 

Freiburger Nachrichten: Hätte man Sie früher als Primarschüler gefragt, was Sie ändern würden, wenn Sie einen Tag lang Bundespräsident wären, was hätten Sie da geantwortet?

Alain Berset: Ich hätte keine grosse Ahnung gehabt, was Bundespräsident konkret bedeutet. Ich hätte sehr wahrscheinlich gesagt, ich würde die Ferien verlängern. Aber ich weiss seither, dass der Bundesrat das nicht kann, weil es in der Kompetenz der Kantone liegt.

Ab 1. Januar werden Sie ein Jahr lang Bundespräsident sein. Was möchten Sie in dieser Zeit verändern?

Es soll nicht das Ziel eines Bundespräsidenten sein, sich zu fragen, was er verändern will. Das Rotationsprinzip setzt hier auch gewollt Grenzen. Mein Ziel ist es, die Arbeit im Bundesrat so weiterzuführen, dass diese Kollegialbehörde weiterhin gut funktionieren kann. Ich habe diese unglaubliche Kontinuität in unserem Land seit 1848 vor Augen. Gleichzeitig waren wir auch immer in der Lage, uns an internationale Entwicklungen anzupassen. Es passiert sehr viel im Moment, und wir befinden uns mittendrin in diesen Entwicklungen. Man denke nur an die Globalisierung oder an die Digitalisierung. All dies bedeutet, dass wir in Bewegung bleiben müssen, wenn wir weiterhin in einer so guten Position sein wollen wie heute.

Sie sind das jüngste Mitglied des Bundesrates, Ihr politischer Aufstieg war rasant. Ist es für Sie selbst nicht etwas zu schnell gegangen?

Es ist vor allem deshalb so schnell gegangen, weil ich früh mit der Politik begonnen habe, nämlich vor 17 Jahren im Freiburger Verfassungsrat. Die Wahl in den Ständerat 2003 war eher überraschend. Ich habe diesen dann als jüngstes Ratsmitglied präsidiert. Ich werde nach sechs Jahren im Bundesrat diesen präsidieren und bin froh, dass ich diese Zeit hatte, um Erfahrung zu sammeln und mich vertieft in die Dossiers einzuarbeiten.

Gibt es etwas, das Sie für diese neue Aufgabe noch lernen müssen?

Es ist wie überall im Leben: Alles entwickelt sich ständig. Dies gilt nicht nur jetzt für das Präsidium, sondern für die Arbeit im Bundesrat generell. Es ist auch interessant, immer wieder etwas Neues zu lernen. Ich habe im Bundesrat bei sechs Präsidentinnen und Präsidenten sehen können, wie sie diese Aufgabe meisterten. Fest steht: Ich werde noch mehr Kontakte im Inland und noch viel mehr mit dem Ausland haben. Diese Aufgabe kenne ich zwar schon vom Departement her, aber es ist eine andere Ebene. Für mich ist es somit eher eine Entwicklung als eine völlig neue Situation.

Sie gelten als «Mr. Perfect»: Die politische Schweiz geht davon aus, dass Sie das Amt mit Bravour bewältigen. Wie gehen Sie mit dieser Erwartungshaltung um?

Ich kann verstehen, dass man versucht einzuordnen, wer wie funktioniert. Doch ich habe Mühe, mich in diesen Schubladen wiederzuerkennen. Die Realität ist immer viel komplizierter. Was mein Präsidialjahr angeht, hängt das sehr stark davon ab, was in der Schweiz passiert, was im Parlament geschieht und was sich international ereignet.

Wenn Sie sagen, die Realität sei eine andere: Wie sieht diese denn aus?

Ich habe eine Leidenschaft für das, was ich mache. Eine Leidenschaft für Diskussionen, Debatten und auch für die Organisation der Gesellschaft. Aber sehr viele Leute haben eine solche Leidenschaft für ihre Tätigkeiten im beruflichen Leben oder in der Freizeit. Damit bin ich nicht alleine.

Trotzdem tragen Sie jetzt ein Jahr lang den Titel des Bundespräsidenten. Bringt das zusätzlichen Druck?

Sicher. Die Erwartungen an dieses Amt sind sehr hoch. Das erzeugt einen gewissen Druck, und es werden auch zusätzliche Aufgaben auf mich zukommen. Das bedingt eine gute Organisation, und wir haben uns im Departement darauf vorbereitet.

Als Bundespräsident werden Sie Staatsoberhaupt sein. Sehen Sie sich auf Augenhöhe mit anderen Staatsoberhäuptern wie Emmanuel Macron, Angela Merkel, Wladimir Putin oder Donald Trump?

Unser Staatssystem ist mit diesen nicht vergleichbar. Aber es ist klar, dass ich wie meine Vorgängerinnen und Vorgänger in diesem Amt den Austausch mit anderen Präsidenten pflegen werde. Das ist eine wichtige Aufgabe eines Bundespräsidenten. Immer wieder hat eine andere Person die Möglichkeit, während eines Jahres für eine gute Vertretung der schweizerischen Interessen zu sorgen und auf Augenhöhe mit Staatschefs zu diskutieren. Ich habe bezüglich internationaler Kontakte schon reichlich Erfahrung als Departementsvorsteher. Das Amt gibt mir für eine gewisse Zeit die Möglichkeit, andere Kontakte zu pflegen und zu entwickeln.

Würden Sie dem einen oder anderen aktuellen Staatsoberhaupt gerne einmal die Leviten lesen?

Wir sind sehr stark in die internationale Gemeinschaft eingebunden. Die Schweiz ist bekannt dafür, dass sie alle Themen bei Bedarf auch anspricht. Wir machen das aber jeweils in angemessener Weise. Es darf nicht das Ziel sein, mit einer Aussage zu provozieren, oder, wie Sie sagen, jemandem die Leviten zu lesen. Mich interessiert der pragmatische Ansatz: Wo kann ich etwas in unserem Interesse bewegen?

Ist schon bekannt, welche Staats­empfänge oder Staatsbesuche auf Sie warten?

Dazu laufen im Moment Gespräche. Es ist nicht so, dass ein Bundespräsident einfach sagt, wen er treffen möchte. Wir schauen, wo unsere Interessen als Land liegen und wo es gilt, Kontakte zu entwickeln. Wiederum steht dies im Zeichen der Kontinuität.

Aber Sie können sich da schon einbringen?

Ja, sicher. In Koordination mit meinen Kolleginnen und Kollegen.

Wie können Sie persönlich umschalten zwischen Ihrem politischen Amt, das nun noch eine zusätzliche Dimension erhält, und Ihrem Privatleben?

Mit meiner Familie, Musik, Sport und ein bisschen Freizeit. Hoffentlich bleibt das auch nächstes Jahr genügend möglich. Das ist eine Voraussetzung, um diese Aufgabe wirklich machen zu ­können: Ab und zu einen Moment für sich zu haben, ohne dass sich alle Gedanken um den Beruf drehen. Ich habe ­diese Fähigkeit, ab und zu Distanz zu nehmen.

Gibt es Momente, wo Sie alleine sind?

Ja. Es gibt Momente, wo ich etwas überlegen oder vertiefen will und dafür Zeit für mich brauche. Gute und in­novative Ideen kommen selten, wenn man unter Druck steht. Zeit für sich zu haben erlaubt, neue Ideen zu ent­wickeln.

Wo sind Sie am kreativsten?

Physisch allein bin ich oft beim Sport, etwa wenn ich im Wald laufe. Dort kann ich kreativ sein. Oder am Klavier. Manchmal spiele ich einfach irgendwas, und die Gedanken entwickeln sich mit der Musik.

Gibt es politische Geschäfte, bei denen Sie auch mal Ihre Frau um Rat fragen?

Wenn ich Zeit mit meiner Familie verbringe, ist es selten, dass wir über Politik sprechen.

Gibt es Personen ausserhalb der Politik, die Sie einfach mal unverbindlich um Rat oder um eine Meinung fragen können?

Nicht über spezifische Dossiers. Man muss ja auch eine gewisse Vertraulichkeit wahren. Aber ich pflege sehr viele Kontakte und mit unterschiedlichen Personen, um Ideen zu sammeln und um zu erfahren, was die Leute denken. Darauf lege ich viel Wert.

Ist das der Grund, warum Sie nach einer Veranstaltung oft noch etwas länger bleiben?

Ja. Und zwar nicht, um noch ein Glas zu trinken. Sondern um zu hören, was die Leute zu sagen haben. Man kann keine gute Politik entwickeln, ohne den Leuten zuzuhören. Es hilft, solche Begegnungen im Kopf zu haben, wenn die Geschäfte ihren politischen Weg nehmen. Wenn man politisch denkt und entscheidet, sollte es immer auf Basis einer breiten Sicht geschehen.

Gab es in Ihrer politischen Karriere Personen, die für Sie Vorbilder waren?

Direkte Vorbilder nicht. Ich habe immer meinen Grossvater im Kopf. Er ist vor einigen Jahren verstorben und hat ein vorbildliches Engagement gezeigt. Häufig beginnen politische Karrieren nicht mit der Politik, sondern mit einem sozialen Engagement oder in einem Sportverein auf lokaler Ebene. Bei mir erfolgte der Einstieg über den Sport mit dem Leichtathletik-Club in Belfaux. Ich habe von diesen Leistungen als Kind profitiert und später als Organisator etwas zurückgeben können. Bei meinem Grossvater hatte sich das auf Gemeindeebene entwickelt: Zuerst als Gemeindeschreiber, dann als Gemeinderat und am Ende war er Ammann und parallel dazu in der Gewerkschaft. Er war auch Grossrat, aber nur während fünf Jahren. Er sagte, das sei nichts für ihn.

Von welchem Bundesrat würden Sie gerne eine Eigenschaft für sich selbst übernehmen?

Jede Persönlichkeit hat ihre Stärken. Ein gutes Team zeichnet sich dadurch aus, dass es diese Stärken nutzt. Ich würde deshalb von allen etwas mit­nehmen.

Als Bundespräsident werden Sie schon bald eine Neujahrsansprache halten. Können Sie schon verraten, wo diese stattfinden wird?

Lassen Sie sich überraschen! Zudem: Es ist noch nicht alles gänzlich organisiert. Als Mittelstreckenläufer habe ich gelernt, einen Schritt nach dem anderen zu tun. Mein letzter Schritt war, die Wahl und die Rede vor der Bundesversammlung vorzubereiten. Dann folgten Interviews und die nächste Reden, etwa in Düdingen bei meinem Empfang im Kanton Freiburg. Darauf freue ich mich sehr. Ich kenne den Sensebezirk dank des Sports ziemlich gut. Ich bin da oft Rennen gelaufen und schaffte sogar ein paar persönliche Rekorde auf der Leichtathletikbahn in Düdingen.

Eine andere traditionelle Aufgabe des Präsidenten ist die Bundesratsreise in seinem Heimatkanton. Wenn Sie als Mittelstreckenläufer das organisieren, wird es streng werden für Ihre Kollegen?

Wir wollen etwas erleben, die Bevölkerung treffen und zusammen einen angenehmen Tag verbringen. Auf alle Fälle ist es eine Gelegenheit, eine besondere Beziehung zwischen dem Gesamtbundesrat und dem Kanton Freiburg aufzubauen. Bereits jetzt, beim Empfang im Kanton Freiburg, wird mich Bundespräsidentin Doris Leuthard zusammen mit der ganzen Delegation aus Bern und Freiburg begleiten. Das bedeutet mir wirklich viel.

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