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Interviews, vidéos et articles invitésPublié le 30 juillet 2025

«Der Kanton Jura steht für die Stärke der Schweiz»

SP-Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider erklärt, was sie an ihrer Heimat besonders schätzt, wie ihre Tätigkeit als Sozialarbeiterin sie geprägt hat, warum die Gesundheitskosten auch 2025 steigen werden und was sie mit ihren SVP-Kollegen Guy Parmelin und Albert Rösti verbindet.

30. Juli 2025 | Weltwoche
Interview: Marcel Odermatt

Es war ein geschickter Schachzug. Nach der Wahl von SP-Mann Beat Jans in den Bundesrat nutzte Elisabeth Baume-Schneider Ende 2023 die Gelegenheit, um vom Justiz- und Polizei- ins Innendepartement zu wechseln. Statt sich mit dem Asyldossier herumzuschlagen, kann sich die 61-jährige Jurassierin mit Themen beschäftigen, die ihr besser liegen und sie stärker beschäftigen, wie der Altersvorsorge, dem Gesundheitswesen oder der Gleichstellung. So gelang es der Sozialdemokratin, ihre Position in der Landesregierung zu stärken. Als die Weltwoche die Sozialwissenschaftlerin an ihrem Amtssitz an der Inselgasse 1 in Bern trifft, ist die Baume-Schneider bestens aufgelegt. Mit Charme, Witz und analytischem Gespür – Attribute, die ihr auch die politischen Gegner attestieren – antwortet die quirlige Politikerin auf unsere Fragen.

Frau Bundesrätin, was hat sich in Ihrem Leben am stärksten verändert, seit Sie Mitglied der Landesregierung sind?

Elisabeth Baume-Schneider: Die prägendste Veränderung ist sicher, dass mein Leben einem anderen Rhythmus und einer anderen Organisation folgt. Unter der Woche bin ich in Bern und arbeite. Meinen Mann und meine Familie sehe ich meist am Wochenende im Jura, wobei meine Dossiers mich natürlich dorthin begleiten.

Nehmen wir an, Sie könnten allein entscheiden: Was würden Sie im Bundesrat ändern?

Das Besondere am Bundesrat ist ja gerade, dass niemand etwas allein entscheiden kann. Von Sitzung zu Sitzung, von Geschäft zu Geschäft: Es ist eine permanente Suche nach dem Konsens. Das braucht Zeit und Energie, aber es gehört zu unserer lebendigen Demokratie. Daran würde ich sicher nichts ändern.

In Ihrer Beurteilung: Wie gross ist die Macht, wie gross der Einfluss eines Mitglieds der Schweizer Exekutive?

Was ist Macht? Wir beobachten seit einiger Zeit, wie der Kult des starken Mannes wieder auflebt: Ein Politiker – interessanterweise ist es immer ein Mann – setzt sich über die Institutionen hinweg und ordnet sein Land oder sogar die Welt neu. Das ist nicht meine Idee von Leadership und Verantwortung. Als Bundesrätin treffe ich viele Entscheidungen. Aber die Entscheidungen sind nicht Eingebungen, die mir plötzlich zufallen. Sie sind das Ergebnis von Aktenstudium, von Überlegungen und von vielen, vielen Gesprächen mit den Akteuren. Dieser Prozess der Konsultation ist essenziell für eine direkte Demokratie wie die Schweiz: Er führt nicht nur zu besseren Lösungen, er stärkt auch ihre Akzeptanz bei den Betroffenen und der Bevölkerung. Ich glaube an die kollektive Intelligenz. Aber die Verantwortung, die trage ich letztlich alleine.

Was zeichnet denn für Sie einen erfolgreichen Bundesrat aus?

Als Bundesrätin oder Bundesrat kann man nicht allein erfolgreich sein. Wir sind ein Team. Ich trage meinen Teil dazu bei, dass der Gesamtbundesrat erfolgreich ist. Sprich: dass er gut mit dem Parlament und den Kantonen zusammenarbeitet und das Vertrauen der Bevölkerung geniesst.

In wenigen Tagen feiert die Schweiz ihren Geburtstag. Auf was sind Sie am meisten stolz in unserem Land?

Die Fähigkeit, Konflikte friedlich zu lösen. Das ist wirklich ein Wesensmerkmal der Schweiz. Die Schaffung meines Kantons steht emblematisch für diese Stärke. Es gab in der Geschichte des Jura-Konflikts immer wieder Momente, in welchen eine Eskalation unmittelbar bevorzustehen schien. Doch immer konnte sie abgewendet werden, indem sich die Beteiligten an die Grundlagen unserer Willensnation erinnerten. Dass man Minderheiten mit Rücksicht und Respekt begegnet. Und dass man das Einende über das Trennende stellt.

Was müsste in unserem Land schnell anders werden? Was macht Ihnen am meisten Sorgen?

Frauen brauchen dringend einen besseren Schutz vor Gewalt. Ich sehe zwar viele Behörden und Organisationen, die enorm engagiert sind, um dieses Problem in den Griff zu bekommen. Aber mit neunzehn Femiziden seit Jahresbeginn ist die Realität absolut niederschmetternd. Es muss jetzt ein Ruck durch das Land gehen. Wir schulden es den Frauen und ihren Familien.

Sie sind die erste Bundesrätin aus dem Kanton Jura, der 1978 gegründet wurde. Wie hat Ihre Herkunft aus einer ländlichen Region wie den Franches-Montagnes Ihre politische Perspektive geprägt?

Die Franches-Montagnes sind sicher ländlich, aber mit ihrer hochspezialisierten Industrie auch sehr weltoffen und modern. In dieser Region ist fast nichts unmöglich. Aber nichts geschieht von selbst. Wenn man will, dass sich etwas verändert, muss man sich einbringen, sich engagieren und mit den wichtigen Partnern zusammenarbeiten. Das hat mich geprägt. Es hat mich gelehrt, ohne übermässige Angst durchs Leben zu gehen und bereit zu sein, etwas zu wagen.

Wenn wir vom Jura sprechen: Der Bundesrat will bei der EU-Abstimmung auf das Ständemehr verzichten. Was sagen Sie als Jurassierin dazu, die aus einem Kanton kommt, der jahrzehntelang dafür gekämpft hat, ein selbständiger Kanton zu werden?

Bei der Frage des Ständemehrs spielt meine Herkunft keine Rolle. In der Bundesverfassung steht schwarz auf weiss, dass es für dieses Vertragspaket kein Ständemehr braucht. Zudem wurde die Initiative «Staatsverträge vors Volk», welche diese Bestimmung verschärfen wollte, von der Stimmbevölkerung deutlich verworfen.

Einmal abgesehen vom Ständemehr: Die Landesregierung befürwortet ein neues Vertragspaket mit der EU. Was ist für Sie das wichtigste Argument, das für dieses Abkommen spricht?

Die Kontinuität. Es ist in unserem ureigensten Interesse, unsere guten Beziehungen zur Europäischen Union langfristig zu stabilisieren.

Mit den beiden SVP-Bundesräten – dem Berner Albert Rösti und dem Waadtländer Guy Parmelin – verbindet Sie auf den ersten Blick am meisten. Sie stammen alle drei vom Land, haben einen bäuerlichen Hintergrund und sind protestantisch geprägt. Spürt man in der Zusammenarbeit solche Gemeinsamkeiten, oder überwiegen die politischen Unterschiede?

Im Bundesrat gibt es eine Vielzahl von Verbindungen: fachliche und politische, sprachliche und kulturelle, sichtbare und unsichtbare. In der Summe bilden diese Verbindungen ein Geflecht, das unsere Arbeit als Team erleichtert und stärkt. Bei Guy Parmelin und Albert Rösti haben Sie recht: Wir haben weltanschauliche Differenzen, aber alle drei stammen wir aus einem bäuerlich-protestantischen Milieu. Diese Herkunft hat uns geprägt. Und ich denke schon, dass sie uns bisweilen hilft, uns zu verständigen.

Viele Menschen sorgen sich, wie es mit den Krankenkassenprämien weitergeht. Rechnen Sie damit, dass die Prämien auch 2025 weiter steigen wie im vergangenen Jahr?

Die Prämien sind das Spiegelbild der Kosten. Und diese sind 2024 um 4,7 Prozent gestiegen. Die Gründe sind bekannt: Wir werden älter, es gibt neue Medikamente und Behandlungen, die innovativ, aber oft auch sehr teuer sind. Darum werden auch die Prämien weiter steigen. Kostendämpfung bleibt daher eine Daueraufgabe. In den letzten Jahren wurden wichtige Reformen verabschiedet, so zur Zulassungsregelung, zu Kostenzielen, zur Prämienverbilligung oder zur einheitlichen Finanzierung aller Leistungen. Diese Reformen müssen nun konsequent umgesetzt werden. Damit sie ihre kostendämpfende Wirkung entfalten und damit wir unsere hochwertige Gesundheitsversorgung für die Patientinnen und Patienten erhalten können.

Die Bevölkerung ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Gibt es für Sie als Innenministerin einen Zusammenhang zwischen den Gesundheitskosten und dem Bevölkerungsanstieg?

Betrachtet man die gesamten Gesundheitsausgaben, gibt es einen Zusammenhang: Mehr Menschen beziehen mehr Leistungen und verursachen damit höhere Kosten des gesamten Gesundheitswesens. Entscheidend für die Bürgerinnen und Bürger sind aber die Kosten pro Kopf. Und hier zeigt sich, dass Alterung, medizinischer Fortschritt und Mengenausweitung die Treiber für die Zunahme sind. Gemäss einer Analyse des Bundesamtes für Statistik verursachen Ausländer für die obligatorische Krankenversicherung tiefere Kosten als Schweizerinnen und Schweizer.

Die AHV und die Finanzierung der 13. Rente sind ebenfalls aktuell stark diskutierte Themen. Wie können Sie die finanzielle Nachhaltigkeit der Sozialwerke sicherstellen, ohne die junge Generation und die arbeitende Bevölkerung zu stark zu belasten?

Es ist falsch, die Generationen so gegeneinander auszuspielen. Jung und Alt profitieren auf vielfältige Weise voneinander. Aber klar müssen wir darauf achten, dass politische Lösungen breit akzeptiert sind. Aus diesem Grund hat der Bundesrat auch auf eine Anhebung des Rentenalters verzichtet. Die 13. AHV-Rente möchte der Bundesrat über die Mehrwertsteuer finanzieren. Sie wird von allen bezahlt, auch von den Seniorinnen und Senioren. Zudem gibt es eine soziale Abfederung, indem Mieten und Krankenkassenprämien nicht belastet werden. Die Mehrwertsteuer ist besser als ihr Ruf.

Sie haben als Sozialarbeiterin gearbeitet, bevor Sie in die Politik eingestiegen sind. Wie wirken sich diese Erfahrungen auf Ihre politische Arbeit aus?

Es hat mich sicher geprägt, zu sehen, wie verbreitet Armut auch in unserem Land ist. Sie wird zwar tabuisiert, aber sie ist da. Alleinerziehende Mütter, ältere Personen und Kinder sind besonders oft betroffen. Armut findet sich auch in der Mitte der Gesellschaft. Ein Unfall, eine Krankheit, eine Trennung, eine Rechnung des Zahnarztes – und plötzlich müssen Menschen, die nie Hilfe benötigten, bei der Sozialhilfe anklopfen. Das braucht extrem viel Überwindung. Was mich mein Studium und meine Arbeit auch gelehrt haben: Es geht für diese Menschen nicht nur um die Linderung materieller Not. Armutsbetroffene sind sehr sensibel für Fragen der Würde und der Entscheidungsautonomie. Vielleicht bin ich deshalb eine aufmerksame Zuhörerin geworden; weil ich weiss, wie wichtig in einem Gespräch der Respekt ist.

Immer mehr Menschen, die Angehörige pflegen, lassen sich diese Arbeit entschädigen. Private Spitex-Firmen haben das grosse Geschäft gewittert. Politiker sprechen bereits von einem Wildwuchs: Was tun Sie dagegen?

Zunächst möchte ich betonen, dass die Pflege von Angehörigen eine enorm wichtige, aber oft auch sehr anspruchsvolle Aufgabe ist. Wer sich um kranke oder betagte Menschen in seinem Umfeld kümmert, hat unseren Respekt verdient. Zudem hilft die Angehörigenpflege, den Fachkräftemangel in der Pflege zu lindern. Es muss aber tatsächlich darauf geachtet werden, dass die Qualität bei den Pflegeleistungen stimmt und nur Leistungen verrechnet werden, die gemäss Krankenversicherung vorgesehen sind. Die Kantone haben schon heute die Instrumente, um sicherzustellen, dass auch Organisationen, die pflegende Angehörige beschäftigen, die Anforderungen an Ausbildung und Qualität erfüllen. Aber meine Fachleute sind daran, die Thematik zu vertiefen. Ein Bericht dazu ist für den Herbst zu erwarten. Das ist dann eine gute Grundlage für die weiteren Diskussionen.

Sie haben 2023 das Departement gewechselt. Aus der Justizministerin wurde die Innenministerin. Haben Sie diesen Entscheid nie bereut?

Nein. Ich habe die Zeit im EJPD sehr geschätzt. Der Departementswechsel war für mich die Möglichkeit, mich jenen Themen zu nähern, die meinen Lebensweg geprägt haben: soziale Sicherheit, Gesundheit, Gleichstellung und Kultur. Dank meiner Tätigkeit als Sozialarbeiterin, als Regierungsrätin und als Direktorin der Hochschule für soziale Arbeit und Gesundheit Lausanne sind mir diese Dossiers sehr vertraut. Nun darf ich sie als Bundesrätin begleiten. Das ist eine grosse Verantwortung, weil es Themen sind, die die Lebensrealitäten unserer Bevölkerung stark mitbestimmen. Aber das gibt mir auch viel Erfüllung.

Sie sind auch Gleichstellungsministerin. Vor einigen Wochen sind wieder Tausende von Frauen auf die Strasse gegangen und haben gegen die fehlende Gleichstellung demonstriert. In Ihrer Wahrnehmung: Haben diese Frauen eigentlich recht, wenn sie die Schweiz als rückständig anprangern?

Es gibt auf jeden Fall Handlungsbedarf bei der Gleichstellung. Frauen verdienen bei uns immer noch nicht den gleichen Lohn für die gleiche Arbeit. Frauen übernehmen immer noch den Grossteil der unbezahlten Care-Arbeit. Es sind immer noch mehrheitlich die Frauen, die beruflich zurückstecken, wenn das erste Kind zur Welt kommt. Hinzu kommt die geschlechtsspezifische Gewalt, die immenses Leid verursacht. Ehrlich gesagt: Ich kann sehr gut verstehen, dass die Frauen ihre Ungeduld und ihre Wut auf die Strasse tragen.

Zum Schluss, Frau Bundesrätin: Sie waren eine junge Mutter, als Sie das jurassische Parlament präsidierten, und haben sich für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie eingesetzt. Welche Ratschläge würden Sie jungen Frauen geben, die eine politische Karriere anstreben?

Ich vertraue den jungen Frauen. Sie sind stark und mutig. Sie wissen, was sie wollen. Unsere Aufgabe ist es, sie zu unterstützen, damit sie ihre Ziele erreichen. Beispielsweise mit besseren Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.